Ayla Bonacker

Die Begegnung

Für Shirin Kumm,
der Gründerin des
Literaturclubs

„Darling?“
„Hmm“, ließ sie kaum hörbar vernehmen.
„Riechst du das auch?“ fragte er.
„Hmm…“
„Das Grasaroma im Wind!“
„Hmm.“
„Bist du mit den Gedanken woanders?“
„Hmm“
„Hörst du mir überhaupt zu?“
„Fang bitte nicht schon wieder an, ich lese, wie du siehst!“. Sie zog eine Braue hoch und starrte ihren Freund an, der gerade den auf seinem linken Oberarmmuskel tätowierten Tiger mit Sonnencreme einmassierte.
Sie lag mit einem knallroten Bikini rücklings auf der Wiese, schaute ab und an in den tiefblauen Himmel und las weiter entzückt das Buch von Hemingway. Sie sank in eine andere Welt und vergaß den Himmel, den Freund und auch seinen Tiger.

Nachdem er geduscht, sich die Zähne geputzt und sich rasiert hatte, hatte er Hunger auf Frühstück, aber er zog sich Shorts und Pullover an, holte
sein Schreibheft, die Bleistifte und den Spitzer und setzte sich an den Tisch
vor dem Fenster, von dem man über die Flußmündung nach Spanien sehen
konnte. Er begann zu schreiben und vergaß Catherine und die Aussicht aus
dem Fenster, und das Schreiben lief von ganz allein, wie immer, wenn es ihm
gutging.

„Hast Du das auch gesehen? Auf der Wiese liegen büschelweise Vogelfedern.“
„Hmm… Welche Federn?“
Er drehte sich zu ihr um und musste die Augen wegen der Sonne zusammenkneifen, als er sie ansah. Sie kicherte leise zwischen zusammengekniffenen Lippen, völlig gebannt von dem Buch. „Sie ist prächtig, aber ich vermute sie hat etwas Gefährliches an sich“, dachte er. Er ballte seine linke Hand zur Faust, hob sie hoch bis zur Schulter, so dass der Tiger ein Buckelchen machte.
An diesem hellen Tag, in einem beschaulichen Park, schien die Sonne so grell, dass der am Rande der Lichtung liegende See blendete und man das Zwitschern und Plantschen der Wasservögel hörte. Hinter dem grünen Hügel auf der anderen Seite des Sees fuhren oft Züge vorbei.

Das Wasser war weit draußen, als David Bourne erwachte, die Sonne
hell auf den Strand, und das Meer war tiefblau. Die Hügel

Sie spürte, wie eine Fliege über ihre rechte Poseite krabbelte und schlug nach ihr mit dem Hemingway, sie nicht treffend. „Die Fliegen, hmm, übertragen Schmutz. Sie plumpsen in unseren Suppenteller, süffeln die Getränke, bah!“ dachte sie.

zeigten sich grün und frisch gewaschen, und die Wolken hatten sich aus den
Bergen verzogen
.

Innerhalb weniger Minuten war die Fliege wieder da. Wieder schlug sie nach ihr, sie nicht treffend. Ihr Freund, der bäuchlings eingeschlafen war, schnarchte. Nun landete der Hemingway mit einem Klaps auf seinem Po. Er schlief weiter, jedoch mit leiseren Atemzügen. Sie schaute ihm auf die Augenlider und dachte: „Seltsam, dass ihn der Klaps nicht aufgeweckt hat.“

Catherine schlief noch, und er betrachtete sie und sah ihre gleichmäßigen
Atemzüge und die Sonne auf ihrem Gesicht und dachte: Merkwürdig, daß
die Sonne auf ihren Augen sie nicht aufweckt.

Die Fliege blieb hartnäckig, veranstaltete über die Rundungen ihres Körpers eine Promenade. Wie ein Mannequin auf dem Laufsteg, lief sie an ihren Beinen entlang. Sie lief, hielt an, lief, hielt an und lief schließlich bis zu ihrem großen Zeh, wo sie eine Pause einlegte. Der große Zeh spürte ihr Fliegengewicht kaum.

Er war schläfrig vom Mittagessen, fühlte sich aber leer vom Warten, und
er las und wartete auf sie. Dann hörte er die Tür

Mittlerweile hatte die Fliege ihre Brust erreicht. Durch ihre Brille schaute sie der Fliege zu, und erlebte hautnah, wie sie anfing, ihre Vorderfüßlein aneinander zu reiben. „Die tut so, als hätte sie einen Kontinent erobert, diese Angeberin“, dachte sie. Dann ging es los, das Ritual. Sie rieb sich mit ihren Vorderfüßlein mehrmals über die Augen. Mit den mittleren Füßlein rieb sie sich an den hinteren, und mit den hinteren Füßlein strich sie mehrmals über ihre zarten Flügel. Ihr Körper war lila und türkis changierend. Es reflektierte so, als wenn die Fliege ein Taftkleid anhätte. „Wie fabelhaft es wäre, wenn sie dazu eine Perlenkette tragen würde.“, dachte sie. Mit einer Handbewegung jagte sie die Fliege davon.

Sie kam im Rock und Kaschmirpullover und Perlenkette, das Haar zwar mit
dem Handtuch angetrocknet, aber noch feucht und glatt und nass gekämmt, so
daß seine hellbraune Farbe sich kaum von ihrem unglaublich gebräunten
Gesicht absetzte. „Der Tag ist so schön“, sagte sie. „Tut mir leid, dass ich so spät
komme.“

Die kleine Nervensäge kam diesmal im Sturzflug aus einer unbekannten Luftlinie und landete plitzplatz mit einer Bruchlandung auf Seite 288 und marschierte zwischen den Zeilen hin und her.

Du hast immer so gut geschrieben, bis du mit diesen Stories
angefangen hast. Am schlimmsten war der Schmutz, und die
Fliegen, die Grausamkeit und Bestialität. Als ob du dich darin
gesuhlt hättest. Grässlich, diese Story …

„Das ist eine Frechheit!“, sagte sie und warf das Buch wütend auf den Boden.
„Lass dich doch von einer kleinen Fliege nicht so ärgern!“ bemerkte er und nahm eine Flasche Prosecco aus der Kühltasche. Er öffnete sie und füllte zwei Gläser Sie nahm einen Schluck und spürte, wie die goldenen Bläschen an ihrem Gesicht zerbarsten.

Er goss sich noch einen Whisky ein, füllte das Glas wieder mit
Perrier auf, und sah zu, wie die kleinen Bläschen aufstiegen und
zerplatzten.

Sie lag weiterhin rücklings, und brummte „Hmm. Hmm, hm. Merkwürdig. Tiger?“
„Bitte nenn mich nicht Tiger“, antwortete er verärgert.
Fragend kniff sie die Augen zusammen. „Glaubst du an Wiedergeburt?“
„Nein, du?“
„Hööm.“
Vom See her wehte ein Windstoß, der die auf der Wiese verstreuten Vogelfedern aufwirbeln ließ. Er näherte sich ihr und ließ seine Hand in ihre langen Haare gleiten.
„Weshalb bist du aufgewacht?“
„Es ist einfach schrecklich, wenn du aufhörst, mich zu lieben.“, antwortete er mürrisch und stupste seine auf die Nasenspitze gerutschte Brille wieder hoch.
„Hmm.“

„Warum bist du aufgewacht?“
„Weiß ich nicht. Aber sag mir, wohin du gehst, und ich komme in fünf
Minuten nach.“
„Ich geh ins Café, um was zu frühstücken.“
„Geh vor, ich bin gleich da. Du hast gearbeitet, ja?“
„Sicher.“
„Wunderbar, dass du das nach gestern und alldem geschafft hast. Ich bin stolz
auf dich. Küss mich und sieh uns im Spiegel der Badezimmertür an.“

Seine Hand glitt von ihren Haaren abwärts, bis zum Knie und hielt dort inne. Energisch stützte sie sich auf ihren Ellenbogen und sah, dass in seinen Augen die Erwartung eines Kusses schimmerte. Diese plötzliche Leidenschaft amüsierte sie.
„Küss mich!“
Das Buch in beiden Händen festhaltend, streckte sie ihre Arme nach vorne. Flink stahl er sich unter dem Buch hindurch, aber nun konnte er den Hemingway in seinem Nacken nicht länger ertragen. Er schnappte das Buch und warf es beiseite, schmiegte sich fest an sie, so dass sie seinen Tiger zu fassen bekam. Er roch nach Sonnencreme und einem Hauch Prosecco. Ihre Wangen klebten aneinander und sie blieben in dieser Position, cheek to cheek. „Zum Glück habe ich mich heute gut rasiert“, dachte er. „Wir sehen aus wie Tangotänzer aus Buenos Aires“, dachte sie.
Zuerst klatschten die Brillen mehrmals aneinander, und schließlich klappte der durch die Sonnenglut erhitzte lange Kuss. Auf einmal bekam sie Lachkrämpfe, gefolgt von Sauerstoffmangel. Sie rollten sich auf der Wiese, dann versucht sie sich loszureißen. Er ließ sie los. Sie schnappte nach Luft und brachte die in ihren Ohren hängengebliebene Brille wieder in Ordnung.

Sie lagen eng zusammen und lauschten der See. Ihr Kopf lag auf seiner
Brust, und sie rieb sich an seinem Kinn, dann rutschte sie im Bett hoch
und preßte ihre Wange an seine. Sie küsste ihn, und er fühlte, wie ihre
Hand ihn berührte.

„Und immer wieder Hemingway, dieser Casanova“, knurrte er und kaute hastig auf einem Grashalm.
Wolkenschatten flohen über die Lichtung. Eine Gruppe von Enten startete über ihre Köpfe hinweg.

Dann ging auf einmal sein Schwimmer steil runter, die Leine zog sich
stramm, und er brachte die Stange gegen den Zug eines starken Fisches
wieder hoch, der wild umherjagte und sie durchs Wasser peitschen ließ.

Sie fühlte sich schläfrig. Vom See her hörte man eine Musik. Sie stand auf, lief ans Ufer und sah, wie sich das Wasser in das Gesicht eines schönen Mannes verwandelte. Die Musik war mal fröhlich, mal leidvoll, und so änderten sich auch die Gesichtszüge der Miene. Ihr stockte der Atem. Nebelhaft sah sie in der Ferne einen Mann. Er hatte einen großen, blauen Fisch an der Angel, der noch wild zappelte. „Oh my God, is that you?“, fragte sie ungläubig. Sie versuchte, in seine Nähe zu gelangen, doch urplötzlich versperrten ihr hunderte, ekstatisch schreiende blaue Schwäne den Weg und scharten sich um sie herum. Die Erscheinung des Mannes verblasste allmählich. „Please stay!“, rief sie flehend. „I have so many questions to ask you!“ Eine Stimme, die auf dem See ein Echo erzeugte, hallte zurück: „So read more of my work, there you will find the answers.“ Die blauen Schwäne zogen sich zurück, sich an ihren Waden reibend.
Als sie aufwachte, sah sie ihren Freund, der mit einer blauen Feder verträumt über ihre Beine fuhr.
„Darling?“
„Hmm“, ließ sie kaum hörbar vernehmen.
„Du hast geschnarcht.“, sagte er schmunzelnd.
„Hmm.“
„Hörst du mir überhaupt zu?“
„Fang bitte nicht schon wieder an…“

Später, als er ihre Stimme im Garten vernahm, hörte er auf zu
schreiben. er verschloss den Koffer mit den Manuskriptheften,
ging hinaus und schloß die Tür hinter sich ab.

Ayla Bonacker

Juli -September 2011

Zitate aus „Der Garten Eden“ von Ernest Hemingway, 1987 erschienen im Rowohlt Verlag.