Nadja Bauernfeind

Der letzte Winter

Ich sitze bedrückt im Auto und fahre immer geradeaus vorbei an starren Feldern und Wiesen. Kein Mensch scheint unterwegs und es herrscht eine undurchdringliche, dumpfe Stille. Nasse Flocken wirbeln vor der Wind-schutzscheibe. Die Schneeschicht ist frisch und dünn. Grasbüschel und schwarze Erdhaufen sind versunken. Vereinzelt sind nackte Obstbaumgerippe zu erkennen.  Am Horizont verschwinden flache Häuser und dunkle Dächer.

Vor dem Krankenhaus ist eine riesige Baustelle. Gerüste wachsen um neue Gebäudekomplexe in die Höhe. Auf den Bürgersteigen und Zugangswegen sammelt sich der Betonstaubschlamm in den Pfützen. Im Eingangsbereich herrscht rege Betriebsamkeit. Besucher und Familien sitzen beieinander und flüstern oder schweigen sich an. Patienten mit verlorenem Blick schlurfen mit ihrem Gestell für den Nährlösungsbeutel  durch die Flure. Vor den hohen Fenstern wirken sie wie Schatten in einem diffusen, gleißenden Gegenlicht. Wir laufen einen  abschüssigen Gang entlang ins Erdgeschoss. Die Farbe der verschrammten Wände ist nikotingelb und dreckig; ich erkenne Schleifspuren von durchgeschobenen Betten. Ein  paar amateurhaft gemalte Aquarelle mit kleinen Landschaften sind weiter oben angepinnt, alles rührende, hilflose Bemühungen, um der Trostlosigkeit etwas entgegenzusetzen.

Ich gehe und sehe doch nichts.

All diese Eindrücke gelangen nur sehr langsam und gedämpft in mein Bewußtsein . Und doch wirken sie wie eine Wand, die unerwartet vor mir auftaucht.

Mein Vater, er ist im Sommer 85 geworden, liegt hier. In einem Zweibettzimmer mit einem Mann zusammen, der zehn Jahre jünger ist. Er ist der „Oberschenkelhalsbruch“, mein Vater „der Herzinfarkt“. Es passierte vor drei Wochen, Mitte Januar in der Nacht. Meine Mutter hatte sofort den Notarzt gerufen.

Ich weiß nicht viel von meinem Vater, vielleicht kenne ich ihn gar nicht richtig, obwohl er seit über sechzig Jahren mit meiner Mutter verheiratet ist. Er hat uns auch nie verlassen. Eher im Gegenteil – er hat sich aufgedrängt, sehr penetrant-… sehr laut… und das sehr oft.

Ich habe meinen Vater nie gemocht. Er hat mir keinen Raum und keine Luft zum Atmen gelassen. Vierzig Jahre habe ich Zeit und Energie aufgebracht, ihn abzulehnen.

Das letzte Mal habe ich meinen Vater vor zwei Tagen gesehen. Es war schon dunkel, als ich gegangen bin. Ich habe ihm beim Hinausgehen leise zugewinkt, da saß er noch am Tisch, aß ein paar Löffel Brei und trank etwas Tee. Es hatte ihn unendliche Mühe gekostet, sich vom Bett zu erheben, wozu er sich ganz spontan entschlossen hatte, um sich vorsichtig am Rollator hochzuziehen und mit Hilfe der Schwester zum Tisch zu bewegen. Es hatte lange gedauert. Bei jedem Schritt hatte ich Angst, er fällt. Am Tisch schließlich sank ihm sein Kopf des Öfteren auf die Brust, die Augen fielen ihm zu und er nickte immer wieder kurz weg. Zuvor hatte er noch im Bett gesagt, er fühle sich angenehm müde. Wahrscheinlich von den Spritzen, die er gegen die Schmerzen bekam.

Ich saß dabei, schaute ihn an, berührte seinen Arm und versuchte, ihm beim Essen und Trinken, das auf dem Tablett verteilt war, zu helfen. Ich bin unsicher und etwas tollpatschig bei alltäglichen Handreichungen, mir fehlt der Überblick – ich weiß nicht warum, manchmal bin ich verzweifelt darüber.

Zwei Tage zuvor, am Sonntag, hat er eine ergreifende Abschiedsrede gehalten. Er trug sein Gebiss nicht mehr, weil es ihn in der Mundhöhle drückte. Sein Gesicht in dem Krankenhauskissen war kleiner geworden und um Jahre gealtert und wirkte gütiger. Aus seinen blauen Augen war diese mörderische Kälte ge-wichen. Sein Körper wirkte wie aus Elfenbein.

Ich sah diesen uralten, klein gewordenen Mann, fast verloren in diesem Krankenhausbett, nahm ihn wahr, wie er sich bemühte, uns mit seinen Worten   zu erreichen. Er sprach mit einigen Pausen, großen Augen und rang deutlich um den letzten Frieden mit sich, seiner Umgebung und mit Gott. Uns allen ist das nahegegangen. Er hat uns erreicht.

So wurde er immer ruhiger.

Keine Wut mehr, kein Poltern, kein Dröhnen mehr, kein Schreien. Er wird mich nicht mehr in Angst und Schrecken versetzen.

Er verwendete Worte wie „egoistisch“ und „blind“ und beschrieb damit, die Art, in der er mit mir umgegangen wäre. Und er habe viel Porzellan zerschla-gen. Und es sei nicht wichtig, dass wir uns erst in den letzten drei Wochen seines Lebens ausgesöhnt hätten.

Seit er ins Krankenhaus gekommen war, bin ich ihn fast jeden zweiten Tag besuchen gegangen auf drei verschiedenen Stationen, in drei verschiedenen Zimmern und in zwei verschiedenen Städtchen, aber immer mit demselben Zimmernachbarn. Ich glaube, mein Vater war froh für diesen Mann. Ich kann mir vorstellen, dass er Sicherheit und Ansprache bei ihm suchte und also darum bat mit ihm in das andere Krankenhaus umzuziehen.

Stets hatte er nur wenige Dinge um sich:  Ein Foto von mir und meinem Hund mit grau gewordener Schnauze, das ich ihm anfangs gebracht hatte, als er einen ganzen Tag nicht mehr bei Bewußtsein war und niemand ahnen konnte, ob er noch mal aus dieser Art Koma erwachen würde. Ein Schüttelherz aus Plexiglas von meiner Mutter, auf das sie „Gute Besserung“ geschrieben hatte. Und ein schmales Inselbändchen mit ein paar Goetheversen, das ich ihm als Teenie mit einer Widmung geschenkt hatte. Damals hatte ich noch nicht gewagt, unsere Beziehung völlig in Frage zu stellen.

Schließlich  sagte er, dass er alles habe, was er brauche. Ihm fehle nichts und er vermisse nichts. Er fühle sich aufgehoben und geborgen  und zeigte mit beiden Handflächen nach oben.

Er aß nichts mehr, trank kaum noch was, und es sah so aus, als nähme er auch seine Medikamente nicht mehr. Er war frei geworden, ganz bei sich, wahrhaftig und demütig.  So, als habe er tatsächlich keine Angst. Stück um Stück schien er die  weltlichen Dinge und den Ballast von sich geworfen zu haben. Auch seine Eitelkeit, von der er in seinem Leben so reichlich besessen hatte. Und wir wurden staunend Zeuge dieser inneren und äußeren Wandlung.

Am Schluss hatte er gar nichts mehr. Nicht einmal seine drei Bücher, die er geschrieben hatte und auf die er so stolz gewesen und mit denen er angegeben hatte, interessierten ihn noch. Auf sie angesprochen, winkte er ab an jenem letzten Sonntag, an dem ich neben seinem Bett saß und ihm die Hand hielt. Ihn so oft zu besuchen war mir nur möglich, weil er aufgehört hatte, aggressiv und ungeduldig zu sein. Stattdessen legte er eine ungewöhnliche Ruhe und Zärtlichkeit an den Tag. Er schaute mich lange still an, wie staunend. Und er lobte mich.

Einmal sagte er, ich sei ein gutes Kind, was ich das erste Mal von ihm zu hören bekam und was ich nicht wieder vergessen werde, genau so wenig wie seine maßlosen Tobsuchtsanfälle, länger als 40 Jahre.

Der Winter hatte den Jahresanfang in seiner eisigen Faust und gab nicht nach. In diesem Januar, als ich vom Stadtkern den Weg hoch zum Wald lief, um ihn zu besuchen, herrschte schon tagelang Frost, nachdem es lange kräftig geschneit hatte. Staunend nahm ich die dicke, glitzernde Schneeschicht wahr, die starr auf den Ästen lag. Wir schauten gemeinsam aus seinem großen Krankenhaus-fenster auf die Bäume mit der schweren Lage Schnee auf den schwarzen Ästen und dem weißbedeckten Wald dahinter. Es wirkte mal zart und poetisch, mal wie eine expressive Grafik.

Er liegt auf Zimmer 2 der Station 9 der Geriatrie, links die Tür am Ende des gelben Ganges. Sein Bett ist das am Fenster. Zuerst sehe ich den blau gemusterten Plastikvorhang davor. Sonst war der nicht zugezogen. Ich denke unwillkürlich, sie haben sich hoffentlich nicht gestritten.

Der Mann vorne sagt leise: „Es ist schon passiert, vor einer halben Stunde“.

Langsam mit angehaltenem Atem gehe ich durch das Zimmer und sehe schließlich sein erstarrtes Gesicht mit der aufgerissenen, schwarzen leeren Mundhöhle, den schon glanzlos gewordenen Haaren und der papiernen gelblichen, straff über die Gesichtsknochen gespannten Haut, den einge-fallenen Wangen. Die weiße Bettdecke wirkt fast eben, der Leichnam nahezu körperlos. Die Lider erscheinen durchsichtig. Da ist kein Atem mehr. Kein Hauch, kein Blut mehr, das den Körper  warm durchpulst wie seit vielen Jahrzehnten ohne Pause. Ich sehe nur noch eine unbehauste, verlassene Hülle.

Kein Schlag mehr, kein Heben, kein Senken, nicht mal mehr eine kalte Blässe und auch kein Geruch mehr. Die Zeit scheint angehalten, eine ungekannte Stille lastet im Raum.

Das Sterbezimmer ist unpersönlich und nüchtern, lichtlos grau obwohl es heller Tag ist. Ich verstehe es nicht, verstehe auch nicht, dass der arme Mann noch immer nebenan liegen muss, ich verstehe nicht, dass man meinem Vater den Mund nicht vorsichtig zugebunden hat. Ich verstehe nicht, warum er zwar  wiedererkennbar ist, jedoch verwüstet. Ich verstehe nicht, dass er erst vor einer halben Stunde gestorben ist. Ich verstehe nicht, wo seine Seele jetzt ist, ich spüre sie nicht, weder nah noch fern.

Sein Pullover, den er noch am Montagabend während des Abendessens getragen hatte, liegt über der Stuhllehne; ein schönes, seltenes Blau, ein fließender  Stoff, der mir durch die Finger gleitet. Ich stelle mir vor, wie sie die weiße Decke über sein Gesicht schlagen werden und das Bett durch diese ver-schrammten Gänge in den kalten Keller schieben.

Am Freitag wird er abgeholt und in einen einfachen Holzsarg ins Krematorium überführt. Ich hoffe, sie nehmen ihm den Ehering ab. Seine Asche kommt in eine Urne, unter den Stein des Familiengrabes auf dem Frankfurter Hauptfried-hof.

Kein Pochen, kein Schlaf, niemandes Gesicht, kein Fleisch, keine Pore mehr. Die Haut, das Fleisch wird immer kälter. Ich habe mich nicht getraut, ihn anzufassen oder noch mal seine Hand zu nehmen. So stelle ich mir vor, sie fühle sich ledern an.

Draußen scheinen für kurze Augenblicke Sonnenstrahlen durch den verhan-genen Himmel. Voller Unschuld, aber orientierungslos wirbeln ein paar fusselige Schneeflocken durch die Luft.

Kein Lid- und kein Wimpernschlag mehr.

Ein Frosthauch streift durch meine Adern.

2017